Klar, Kunst kann „unpolitisch“ sein, ebenso wie Sport, Brauchtum, usw.
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Klar, Kunst kann „unpolitisch“ sein, ebenso wie Sport, Brauchtum, usw. Für eine geeignete Definition von „unpolitisch“:
Kunst stellt immer auch einen Kommentar auf die herrschenden Verhältnisse dar. Ist dieser Kommentar „alles ist in bester Ordnung“ – gerne auch in der Variante „Rückzug ins Private“, oder auch ein Loblied auf die herrschenden Strukturen, dann nennen wir das „unpolitisch“.¹ Das muß man sich leisten können, und wenn man privilegiert ist, kann man das.
Die Forderung obiges _solle_ „unpolitisch“ sein, heißt: störe meine Geschäfte, meine Privilegien, oder auch meinen Rückzug ins Private nicht, ich habe mich eingerichtet und möchte nicht gestört werden.
„Unpolitisch“ sein ist politisch.
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¹→Brauchtum@Lapizistik
Ähm … das ist für mich schwer nachvollziehbar.
Okay, mein Geschreibsel bezieht sich sehr stark auf die hiesigen Verhältnisse. Bei Literatur kann ich das noch ein Stück weit nachvollziehen. Aber wenn jemand von mir aus einen schönen Sonnenuntergang malt, ist das einfach nur ein schöner Sonnenuntergang, der nun wirklich nichts mit politischen Verhältnissen zu tun hat.Ein Lied, das sich nur um Liebe dreht, ist zwar langweilig, aber wo soll der Kommentar auf die herrsch. Verh. sein? -
@Lapizistik
Ähm … das ist für mich schwer nachvollziehbar.
Okay, mein Geschreibsel bezieht sich sehr stark auf die hiesigen Verhältnisse. Bei Literatur kann ich das noch ein Stück weit nachvollziehen. Aber wenn jemand von mir aus einen schönen Sonnenuntergang malt, ist das einfach nur ein schöner Sonnenuntergang, der nun wirklich nichts mit politischen Verhältnissen zu tun hat.Ein Lied, das sich nur um Liebe dreht, ist zwar langweilig, aber wo soll der Kommentar auf die herrsch. Verh. sein?@Sascha_Raubal
Ich fürchte da bräuchte ich jetzt mehr als ein paar Tröts. Und andere haben da schon viel richtiges geschrieben. Aber ich probier's mal:Ein Sonnenaufgang sagen wir in unberührter Natur ist eine bewußte Motivwahl, die eine Idylle zeigt, die nicht unserem Alltag entspricht. Wir sehen weder den verschmutzten Strand noch die Abgase, sondern eine „heile Welt“. Das nennen wir dann „unpolitisch“.
Zeigen wir den Sonnenaufgang hingegen am Strand über dem ölverschmierten Vogel, oder dem Stau auf der Autobahn, dann verstehen wir das sofort als einen gesellschaftlichen und damit politischen Kommentar.
Die Entscheidung das eine oder das andere zu zeigen, ist eine, die das Künstly fällt – das muß nicht bewußt sein.
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@Sascha_Raubal
Ich fürchte da bräuchte ich jetzt mehr als ein paar Tröts. Und andere haben da schon viel richtiges geschrieben. Aber ich probier's mal:Ein Sonnenaufgang sagen wir in unberührter Natur ist eine bewußte Motivwahl, die eine Idylle zeigt, die nicht unserem Alltag entspricht. Wir sehen weder den verschmutzten Strand noch die Abgase, sondern eine „heile Welt“. Das nennen wir dann „unpolitisch“.
Zeigen wir den Sonnenaufgang hingegen am Strand über dem ölverschmierten Vogel, oder dem Stau auf der Autobahn, dann verstehen wir das sofort als einen gesellschaftlichen und damit politischen Kommentar.
Die Entscheidung das eine oder das andere zu zeigen, ist eine, die das Künstly fällt – das muß nicht bewußt sein.
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@Lapizistik
Okay, da kommen wir wohl nicht zusammen. Das fällt für mich unter "reininterpretieren". Das passiert eh sehr oft, daß in alles Mögliche irgendwas reininterpretiert wird, weil man halt nur in bestimmten Kategorien denkt.
Nicht bös gemeint, aber das finde ich inzwischen ausgesprochen anstrengend. -
@Sascha_Raubal
Ich fürchte da bräuchte ich jetzt mehr als ein paar Tröts. Und andere haben da schon viel richtiges geschrieben. Aber ich probier's mal:Ein Sonnenaufgang sagen wir in unberührter Natur ist eine bewußte Motivwahl, die eine Idylle zeigt, die nicht unserem Alltag entspricht. Wir sehen weder den verschmutzten Strand noch die Abgase, sondern eine „heile Welt“. Das nennen wir dann „unpolitisch“.
Zeigen wir den Sonnenaufgang hingegen am Strand über dem ölverschmierten Vogel, oder dem Stau auf der Autobahn, dann verstehen wir das sofort als einen gesellschaftlichen und damit politischen Kommentar.
Die Entscheidung das eine oder das andere zu zeigen, ist eine, die das Künstly fällt – das muß nicht bewußt sein.
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Auch die bäuerlichen Szenen von Defregger sind politisch, da brauch ich noch nicht mal seine Bilder von Andreas Hofer, sondern auch der Blick in die Bauernstube, der arme Poet von Spitzweg ist natürlich ein Kommentar zur gesellschaftlichen Situation, die Nachtwache von Rembrandt zeigt die Mitglieder der Amsterdamer Schützengilde, also Menschen mit einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung.Wer zu welchem Zeitpunkt Kunst machen konnte, wer gefördert wurde, was diese Kunst zeigt, ist Bestätigung der gesellschaftlichen Verhältnisse, Kritik an diesen oder beides.
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Auch die bäuerlichen Szenen von Defregger sind politisch, da brauch ich noch nicht mal seine Bilder von Andreas Hofer, sondern auch der Blick in die Bauernstube, der arme Poet von Spitzweg ist natürlich ein Kommentar zur gesellschaftlichen Situation, die Nachtwache von Rembrandt zeigt die Mitglieder der Amsterdamer Schützengilde, also Menschen mit einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung.Wer zu welchem Zeitpunkt Kunst machen konnte, wer gefördert wurde, was diese Kunst zeigt, ist Bestätigung der gesellschaftlichen Verhältnisse, Kritik an diesen oder beides.
@Lapizistik
Wer gefördert wird und wer nicht, okay, da geht ich mit. Aber nicht alle Kunst wird gefördert. -
@Lapizistik
Okay, da kommen wir wohl nicht zusammen. Das fällt für mich unter "reininterpretieren". Das passiert eh sehr oft, daß in alles Mögliche irgendwas reininterpretiert wird, weil man halt nur in bestimmten Kategorien denkt.
Nicht bös gemeint, aber das finde ich inzwischen ausgesprochen anstrengend.Ok. Wenn jemand einen Sonnenaufgang zeichnet, auf dem eine im Öl verendende Möve zeigt, ist dies für dich ein neutrales Bild, das keinen Kommentar darstellt? Oder ist dies für dich ein Kommentar?
Wenn zweiteres: wieso ist die bewußte Motivwahl dies _nicht_ zu zeigen, dann keiner? Wir wählen aus _was_ wir zeigen. Z.B. nach ästhetischen Kriterien. Und was wir als ästhetisch empfinden ist nicht irgendwie „neutral“ sondern immer in der Zeit verhaftet, da müssen wir nur in die Kunstgeschichte schauen.
Kunst gibt nie einfach alles wieder, was wir in unserer Umgebung wahrnehmen, Kunst wählt aus, läßt weg, fügt hinzu, trifft Entscheidungen.
Wir können dies „unpolitisch“ nennen. Es ist mindestens ein Rückzug ins Private.
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Ok. Wenn jemand einen Sonnenaufgang zeichnet, auf dem eine im Öl verendende Möve zeigt, ist dies für dich ein neutrales Bild, das keinen Kommentar darstellt? Oder ist dies für dich ein Kommentar?
Wenn zweiteres: wieso ist die bewußte Motivwahl dies _nicht_ zu zeigen, dann keiner? Wir wählen aus _was_ wir zeigen. Z.B. nach ästhetischen Kriterien. Und was wir als ästhetisch empfinden ist nicht irgendwie „neutral“ sondern immer in der Zeit verhaftet, da müssen wir nur in die Kunstgeschichte schauen.
Kunst gibt nie einfach alles wieder, was wir in unserer Umgebung wahrnehmen, Kunst wählt aus, läßt weg, fügt hinzu, trifft Entscheidungen.
Wir können dies „unpolitisch“ nennen. Es ist mindestens ein Rückzug ins Private.
@Lapizistik
Wenn ich einfach nur Schönheit darstellen will, ja, dann ist das für mich unpolitisch. "Rückzug ins Private"? Von mir aus. Dann ist eben die Politik draußen. -
@Lapizistik
Wenn ich einfach nur Schönheit darstellen will, ja, dann ist das für mich unpolitisch. "Rückzug ins Private"? Von mir aus. Dann ist eben die Politik draußen.Wenn du es dir leisten kannst nur Schönheit darstellen zu wollen, bist du privilegiert.
Das Biedermeier glaubte genau das – es könne unpolitisch sein – und hängte sich die Wände voller röhrender Hirsche und Sonnenuntergänge.
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Wenn du es dir leisten kannst nur Schönheit darstellen zu wollen, bist du privilegiert.
Das Biedermeier glaubte genau das – es könne unpolitisch sein – und hängte sich die Wände voller röhrender Hirsche und Sonnenuntergänge.
@Lapizistik
Na ja. Da kommen wir, wie gesagt, nicht zusammen. -
@Lapizistik
Okay, da kommen wir wohl nicht zusammen. Das fällt für mich unter "reininterpretieren". Das passiert eh sehr oft, daß in alles Mögliche irgendwas reininterpretiert wird, weil man halt nur in bestimmten Kategorien denkt.
Nicht bös gemeint, aber das finde ich inzwischen ausgesprochen anstrengend.@Lapizistik @Sascha_Raubal
Kunst entsteht nicht durch das Herstellen irgendeiner Sache sondern durch das Hineininterpretieren. -
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